Heimische Gans ist ein seltener Vogel

Österreichs Gänsebauern produzieren heuer ein Fünftel weniger. Einige haben ganz aufgehört. Für Konsumenten wird es schwierig, noch ein heimisches Tier zu ergattern.

KARIN ZAUNER SALZBURG (SN). Das Schreckgespenst Stallpflicht als Vorsorgemaßnahme gegen die Vogelgrippe hat die österreichischen Gänsebauern vorsichtig werden lassen. Sie haben mit der Zucht aufgehört oder im heurigen Frühjahr 15 bis 20 Prozent weniger Küken in ihren Betrieben eingestellt, was einen Produktionsentfall im gleichen Ausmaß bedeutet. Damit sinke die Versorgungsquote mit heimischem Gänsefleisch von 24 Prozent auf unter 20 Prozent, erklärt Österreichs "Gänsepapst" Martin Mayringer von der Landwirtschaftskammer Oberösterreich.

Laut Statistik Austria verzehrt jeder Österreicher 0,2 Kilogramm Gänsefleisch pro Jahr. Mayringer errechnet daraus 100.000 Gänse, die in Österreich gegessen werden. Gottfried Pichler, Geschäftsführer des Tierhaltungsbereichs von "Waldland" im Waldviertel, der größten Gänsevermarktungsgesellschaft in Österreich, erklärt, warum die Produzenten Angst vor der Stallpflicht haben. "In Österreich gibt es ausschließlich Weidegänse." Pro Hektar werden 80 bis maximal 100 Gänse gehalten. Stallpflicht wird da zum großen Problem. Gänsebauern stellen im Mai einen Tag alte Küken in ihre Betriebe ein. Dann werden sie bis Martini hochgebracht. Was zu Martini nicht verspeist wird, ist spätestens bis Weihnachten geschlachtet. Doch heuer werde es zu Weihnachten kaum noch heimische Gänse geben, prophezeit Pichler. "Gänsepapst" Mayringer sieht es noch drastischer. "Ab dem Wochenende können Sie in Österreich keine österreichische Gans mehr kaufen."

Bis zu 80 Prozent der Gänse werden importiert: Hauptsächlich aus Ungarn, aber auch aus Polen und Frankreich. Die heimischen Gänse sind ums Doppelte und mehr teurer. So liegt der Kilopreis einer "Waldland"-Gans bei 10,40 Euro, die Weidegans aus Oberösterreich kostet 7,80 Euro. Im Supermarkt liegen aber auch Gänse für 2,49 Euro. Pichler von "Waldland" sagt, günstige Gänse seien oft nur 9 bis 13 Wochen alt, die österreichische Gans hingegen 20 bis 28 Wochen. Und diese Reife schmecke man. Mayringer ergänzt, dass ungarische Gänse mit Mais gefüttert würden, die österreichischen mit frischem Weidegras. "Dadurch hast du mehr Gans in der Pfanne statt Fett."

"Waldland" beliefert auch Handelsketten. Die Zahlen sind jedoch gering und reichen von 1100 Gänsen (Billa) bis 200 (Spar) für ganz Österreich. Der Rest der österreichischen Gänse kommt auf direktem Weg in die Gastronomie (20 Prozent) oder ab Hof zum Konsumenten. "Der Handel klopft verstärkt an, aber wir verschenken unsere Gänse nicht", sagt Mayringer.

Während im Ausland Großbetriebe mit mehreren tausend Tieren üblich sind, hat der durchschnittliche heimische Produzent 200 bis 300 Gänse. 120 Betriebe sind organisiert, insgesamt gibt es rund 250 Gänseproduzenten in Österreich. Die Hauptproduktionsgebiete liegen im Wald, Mühl- und Traunviertel. Das Ziel von Mayringer: "In ein paar Jahren soll die Hälfte der Inlandsnachfrage aus heimischer Produktion kommen." In den 90er Jahren lag man bei 6 bis 8 Prozent.

Übrigens müssen nicht nur die österreichischen Konsumenten heimische Gänse "suchen", sondern auch die deutschen Verbraucher. Von Jänner bis August sind in Deutschland nur 803.000 Gänseküken geschlüpft, fast 16 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum.

 


Salzburger Nachrichten am 9. November 2006 - Bereich: Wirtschaft
 

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